
Titel: Wechselbalg
Autorin: Clarissa Bühler
467 Seiten
Genre: Roman
ET: 24.1.2023
erschienen im Selfpublishing
Rezensionsexemplar
Zunächst einmal möchte ich mich herzlich bei Clarissa Bühler für die Zurverfügungstellung eines Rezensionsexemplars bedanken.
Wechselbalg ist eine Geschichte über zwei Brüder, die sehr unterschiedlich sind und sowohl mit ihrem kalten, lieblosen Elternhaus hadern, als auch mit einem plötzlichen tragischen Verlust, der ihnen den Boden unter den Füßen wegzuziehen droht. Beide versuchen auf ihre Art mit der Situation umzugehen und müssen mit Depressionen, Verlust, Trauer und den Erwartungen ihrer Familie umgehen.
Aber gut, da ich ein Wechselbalg war und es mich in unserer Familie eigentlich gar nicht hätte geben sollen, war es wohl nicht überraschend, dass meine Gefühlswelt nicht mit der von Mo, Vater, Mutter oder der Hexe übereinstimmte.
Clarissa Bühler (2023): Wechselbalg
Warum das Werk den Titel Wechselbalg trägt, war mir nicht gleich klar, vor allem, da der Begriff nur ein einziges Mal (soweit es mir aufgefallen wäre) im Buch vorkommt. Ein Wechselbalg war ursprünglich einmal ein dämonisches Wesen, welches einer jungen Mutter anstatt ihres Säuglings untergejubelt wurde. Ich nehme an, der Titel bezieht sich auf den jüngeren der beiden Brüder, Joe, der als Zweitgeborener einerseits keine wirkliche Rolle im Familienunternehmen bzw. der Familiengeschichte innehat, und nicht dieselben Werte und Vorstellungen wie der Rest seiner Familie teilt. Seiner eigenen Auffassung nach einfach wurde er nur als „Ersatz“ für seinen älteren Bruder Mo geboren.
Mo und Joe sind in einem äußerst reichen Haus aufgewachsen, besuchen die besten Schulen und genießen wunderbare Ausbildungen. Doch ihnen fehlt, vor allem aber dem jüngeren Joe, die Geborgenheit und Liebe, die eine Familie eigentlich bieten sollte. Als ein unfassbares Erlebnis den jüngeren dann aus seiner gewohnten Bahn wirft, merkt sein älterer Bruder, dass ihr altbekanntes Leben ein Ende findet und er sich zum Wohl seines kleinen Bruders vielen Veränderungen – und ungemütlichen Nachforschungen – stellen muss.
Neben den beiden Brüdern, die in ihrem scheinbar privilegierten Leben gefangen sind, gibt es die in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsene Marie. Sie stammt aus einem winzigen Dorf und einer extrem gottesfürchtigen Familie und ist nun die erste aus ihrer Familie, die studiert. Zu Beginn des Buchs beginnt sie ihr Leben in Freiberg, wo sie soziale Arbeit studiert, um sich auf das Leben als Nonne vorzubereiten. Sie ist sehr schüchtern, überwältigt von der großen, modernen Welt in Freiburg, und überfordert mit all den organisatorischen und inhaltlichen Aspekten des Studiums. Doch sie ist auch willensstark, fleißig, strebsam und möchte ihren Traum verfolgen, wofür sie sich durch den Stoff beißt und nebenbei arbeitet, um ihr Studium zu finanzieren. Ich mochte die Marie sehr gerne, ihre absolute Überforderung mit der neuen Stadt und dem Studium wurden sehr gut beschrieben. Ich war etwas fassungslos (ähnlich wie die anderen Charaktere), dass sie so altmodisch und scheinbar fernab jedweder Moderne aufgewachsen ist.
Was die Erzählung angeht, so hatte ich zu Beginn ein paar Probleme, in die Geschichte hineinzukommen, weil die Perspektivwechsel etwas verwirrend waren (diese werden nämlich nicht mit den Namen der ProtagonistInnen angezeigt, sondern mit Symbolen, die auf eine der Figuren bzw. das Thema des Kapitels hindeuten, was ich aber erst nach einigen Kapiteln verstanden habe.).
Aber die Verwendung der verschiedenen Sichtweisen der ProtagonistInnen hat mir sehr gut gefallen, da ich Perspektivwechsel in Büchern liebe und diese immer Spannung und Abwechslung in die Handlung bringen. Zunächst hatte ich Probleme damit, herauszufinden, in wessen Gedankenwelt wir uns gerade befinden, nach etwa der Hälfte des Buches war es aber dann ein Leichtes, die handelnden Personen auseinander zu halten, da sie einfach so grundverschieden und mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind, die sie auch wieder auszeichnen.
Der Schreibstil der Autorin ist flüssig und leicht zu lesen, was mir sehr dabei geholfen hat, durch die Handlung zu kommen, die durch Merkmale wie Tod/Suizid, Verlust, Trauer, Angst und Neubeginn, eher von komplizierteren Themen gezeichnet ist.
Während der Mo hin- und hergerissen ist zwischen seiner Arbeit und der Sorge um seinen Bruder, bleibt kaum Zeit für seine eigene Trauer, weshalb ich erst zu Ende des Buches auch verstanden habe, dass auch er trauert und versucht, das Erlebte zu verarbeiten. Bis dahin kam er mir in Bezug auf das Erlebte recht kühl und gefasst vor.
Sein jüngerer Bruder Joe hingegen gibt sich seiner Trauer hin, versucht durch Ironie und Aufmüpfigkeit seiner Umgebung gegenüber mit den Geschehnissen klarzukommen und trauert für sich in Gedanken, ohne diese anderen Menschen mitteilen zu wollen. Er reagiert zunächst überhaupt nicht so, wie es von ihm erwartet wird und spielt nicht so mit, wie es sich sein Vater und der Rest der Familie wünscht. Allerdings versucht hier einzig und allein sein großer Bruder Mo ihm beizustehen und aktiv eine positive Veränderung zu bewirken. Das Verhalten der beiden Brüder bildet hier einen krassen Gegensatz zueinander, was spannend zu lesen war. außerdem waren Joes Reaktionen – wenn auch nervig für seinen Bruder – sehr erfrischend.
Neben dem angenehmen Schreibstil und dem zunächst etwas verwirrenden Perspektivwechsel habe ich auch lange versucht herauszufinden, was die drei Protagonist:innen nun miteinander verbindet. Bis es dazu kommt, dauert es zwar ein wenig, und ich hatte streckenweise das Gefühl, dass es sich einfach um zwei parallel laufende Handlungen handelt, als die Geschichten dann jedoch miteinander verbunden werden, geschiet das auf so durchdachte und natürliche Art und Weise, dass ich wirklich beeindruckt war.
Alles in allem handelt es sich bei Wechselbalg um ein Buch, das ich in dieser Art noch nie gelesen habe, das mir interessante Charaktere und eine spannende, wenn auch ungewöhnliche Story geliefert hat. Es wirft viele Fragen auf, nicht alle von ihnen werden in diesem Buch beantwortet. Ich empfehle es auf jeden Fall weiter, weise aber daraufhin, dass Themen wie Suizid/Depressionen/Tod nichts für jede/n Leser:in sind.


Mehr über Clarissa Bühler und ihr Buch erfahrt ihr auf lovelybooks.de.
Klappentext: Zwei Brüder, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: ein erfolgreicher Geschäftsmann, der am Anfang einer internationalen Karriere steht, und ein nutzloser, von seinen Eltern misshandelter Teenager. Ein Schicksallsschlag zerbricht die bisherige Normalität ihrer Leben. Während einer von ihnen alle Hoffnung aufgibt, muss der andere für das kämpfen, was seine Familie über Jahrhunderte hinweg aufgebaut hat …