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Interview mit Charlotte A. Meyer: Frauen der Bibel

Charlotte A. Meyer schreibt Romane über Frauen der Bibel und verbindet in ihren Büchern die biblische Überlieferung mit historischen Hintergründen, um ein ganzheitliches Bild jener Frauen zu machen, die in der Bibel ihre kleinen und größeren Auftritte haben. Sie schreibt geschichten über Frauen, die in fremden Welten leben und sich doch Fragen stellen, die bis heute relevant sind.

Auf ihrer Website und in ihrem Buch teilt sie spannende und erstaunliche Geschichten.

In unserem Interview erzählt sie mir mehr über ihre Bücher und das Schreiben

Liebe Charlotte, stelle dich und deine Bücher meinen Leser:innen doch einmal vor: Wer bist du und was sollten wir über dich wissen?

Ich bin 41 Jahre alt und war schon immer neugierig auf die Welt. Aufgewachsen bin ich in Afrika, seit zwei Jahren lebe ich in Südamerika. Ich lese leidenschaftlich gerne und habe schon früh angefangen, selbst Geschichten zu schreiben.

In meinen Romanen dreht sich alles um Frauen aus der Bibel. Ich erzähle bekannte und weniger bekannte biblische Geschichten aus ihrer Perspektive und versuche, ihre Gedanken, Gefühle und Beweggründe lebendig werden zu lassen. Bisher habe ich drei Romane veröffentlicht und arbeite gerade an meinem vierten.

Du schreibst Romane über Frauen der Bibel. Was fasziniert dich persönlich so sehr an diesen Frauen und ihren Geschichten und was hat dich zu ihnen geführt?

Ich bin ohne Fernseher aufgewachsen, und in Afrika war der Nachschub an Kinderbüchern ziemlich begrenzt. Dafür habe ich mit großer Begeisterung Bibelcomics gelesen. So ist mein Interesse an diesen Geschichten entstanden, und es hat mich mein ganzes Leben lang begleitet.

Was mich bis heute daran fasziniert, ist vor allem, wie sehr sie meine Fantasie anregen. Oft erzählt die Bibel nur wenige Sätze über eine Frau, und sofort stellen sich mir Fragen: Warum hat sie so gehandelt? Wie mag sie sich dabei gefühlt haben? Und wie ging ihr Leben danach weiter?

Dazu kommt die unglaubliche Vielfalt dieser Geschichten. Wenn man sich ein wenig auf die Menschen und ihre Lebensumstände einlässt, entdeckt man, wie nah uns viele ihrer Fragen, Konflikte und Sehnsüchte bis heute sind.

Deine Begeisterung für die biblischen Frauen begleitet dich schon sehr lange, meinen Recherchen nach war Dina dein erster Roman und den hast du schon mit 16 Jahren geschrieben. Was hat dich damals an Dina so beschäftigt, dass daraus eine eigene Geschichte entstanden ist?

Was mich damals als Allererstes an Dinas Geschichte fasziniert hat, kann ich heute gar nicht mehr genau sagen. Was mir aber immer wieder auffällt, ist, dass Dina selbst in der biblischen Erzählung kein einziges Mal zu Wort kommt. Es wird über sie gesprochen, über sie verhandelt und über sie entschieden – aber was sie selbst denkt oder empfindet, erfahren wir nicht. Ich wollte mich in sie hineinversetzen und ihr mit meiner Geschichte eine eigene Stimme geben.

Dass mein Manuskript dann bei einem Schreibwettbewerb ausgezeichnet wurde, hat mich natürlich riesig gefreut und mich enorm motiviert, weiterzuschreiben.

Viele Geschichten der Bibel kennen wir vor allem aus der Perspektive und über Männer, wie Jesus und Moses. Du stellst bewusst die Frauen in den Mittelpunkt. Was hast du beim Fokus auf diese Frauen bemerkt? Vor allem in deinem Verständnis der Bibel?

Je länger ich mich mit den Frauen der Bibel beschäftige, desto mehr entdecke ich – oft in wenigen Worten oder zwischen den Zeilen. Viele dieser Frauen sind längst nicht so blass oder schwach, wie man auf den ersten Blick vielleicht meinen könnte.

Gerade wenn man den historischen und kulturellen Kontext berücksichtigt, steckt die Bibel voller Überraschungen: Frauen, die sich entgegen den gesellschaftlichen Erwartungen ihrer Zeit verhalten, selbstbewusste und redegewandte Persönlichkeiten oder Frauen, die allein durch die Art, wie über sie geschrieben wird, als Respektspersonen erkennbar werden.

Spannend finde ich auch, wie stark unser Bild mancher biblischer Frauen durch spätere Auslegungen, Kunst und kulturelle Traditionen geprägt ist. Wenn man sich dann intensiver mit dem eigentlichen Bibeltext beschäftigt, begegnet einem manchmal eine ganz andere Frau als die, die man zu kennen glaubte.

Auf deiner Website schreibst du von den Leerstellen der biblischen Überlieferung. Ich finde diesen Gedanken sehr spannend: Was reizt dich an diesen Lücken besonders?

Diese Leerstellen regen mich einerseits zum Nachdenken an, andererseits kitzeln sie natürlich auch meine Fantasie. Manchmal sind es zeitliche Lücken. Im Buch Esther beispielsweise werden mehrere Jahre einfach übersprungen. Da frage ich mich: Was mag in dieser Zeit alles passiert sein? Was hat Esther erlebt? War sie glücklich? Wie hat sich ihr Leben am persischen Königshof entwickelt? Andere Leerstellen entstehen dadurch, dass wir zwar erfahren, was eine Frau erlebt, aber kaum etwas über ihre eigene Perspektive. Was hat sie wohl gedacht, gefühlt oder gesagt?

Genau dort beginnt für mich das Geschichtenerzählen. Ich möchte diese Lücken mit Leben füllen und den Frauen eine Stimme geben, ohne dabei aus den Augen zu verlieren, wo die biblische Überlieferung endet und meine eigene Fantasie beginnt.

Deine Romane verbinden historische Fakten mit Fiktion und der Bibelüberlieferung. Wie gehst du bei deinen Recherchen vor?

Am Anfang steht immer der biblische Text, den ich in der Regel in mehreren verschiedenen Bibelübersetzungen lese. Anschließend beschäftige ich mich mit theologischen und bibelwissenschaftlichen Hintergründen, unterschiedlichen Auslegungen und auch Predigten zu der jeweiligen Geschichte. Dabei recherchiere ich bewusst überkonfessionell, um verschiedene Perspektiven kennenzulernen.

Je nach Geschichte kommen weitere historische und kulturgeschichtliche Recherchen hinzu. Wie sah der Alltag der Menschen aus? Welche gesellschaftlichen Regeln galten? Welche Möglichkeiten hatte eine Frau in ihrer jeweiligen Lebenssituation?

All diese Informationen helfen mir, die Welt für meine Figuren zu erschaffen. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass ich historische Frauengestalten teilweise aus einer modernen Perspektive interpretiere. Schließlich möchte ich, dass meine Leserinnen und Leser einen Zugang zu ihnen finden und ihre Gedanken und Entscheidungen nachvollziehen können.

Bei aller Recherche bleibt mein Ziel deshalb immer dasselbe: eine spannende, lebendige Geschichte zu erzählen. Meine Bücher sind Romane und keine historischen oder theologischen Sachbücher.

Du hast über Esther geschrieben, aber auch über weniger bekannte Frauen, wonach entscheidest du, welche Frau dich als Nächstes begleitet?

Das entscheide ich eigentlich ganz spontan – je nachdem, welche Geschichte mich gerade besonders beschäftigt oder berührt. Wenn ich auf meine bisherigen Romane zurückblicke, fällt mir allerdings auf, dass sich eine Frage immer wiederfindet: Wo gehöre ich dazu? Esther muss am persischen Königshof ihre Herkunft verbergen. Rahab ist eine gesellschaftliche Außenseiterin, die sich schließlich für einen völlig neuen Lebensweg entscheidet. Vielleicht liegt es an meinem eigenen Aufwachsen zwischen verschiedenen Kulturen, dass mich solche Geschichten über Identität, Fremdsein und Zugehörigkeit besonders ansprechen.

Wenn du eine biblische Geschichte zu einem Roman entwickelst, steht am Anfang zunächst der Bibeltext. Danach folgen historische und kulturelle Recherchen. Wie tief tauchst du dabei in die jeweilige Zeit ein?

Mir ist wichtig, die jeweilige Geschichte und ihren historischen Kontext möglichst gut zu verstehen, selbst wenn ich sie letztlich auch mit einer modernen Brille betrachte. Ich kann zwar selbst kein Hebräisch, lese aber mit großem Interesse Auslegungen der Originaltexte und Erklärungen dazu, wie einzelne Wörter oder Formulierungen unterschiedlich verstanden werden können. Manchmal eröffnen sich dadurch ganz neue Perspektiven auf eine Geschichte.

In meinen Romanen stehen vor allem die handelnden Personen und ihre Beziehungen zueinander im Mittelpunkt. Die historischen und kulturellen Recherchen helfen mir dabei, sie in einen facettenreichen Rahmen einzubetten.

Deine Figuren beschäftigen sich mit Themen wie Liebe, Verlust, Fremdsein, Zugehörigkeit, Angst und Vertrauen. Was glaubst du, macht diese alten Geschichten auch für uns heute noch so interessant?
Auch wenn diese Geschichten in einer ganz anderen Zeit und in Kulturen spielen, die uns heute fremd erscheinen mögen, sind uns die zugrunde liegenden menschlichen Erfahrungen und Beweggründe zutiefst vertraut. Der Wunsch, geliebt und angenommen zu werden, die Angst vor Verlust, schwierige Entscheidungen oder die Suche nach dem eigenen Platz im Leben – all das beschäftigt Menschen seit Jahrtausenden.

Viele biblische Geschichten werden schon seit unglaublich langer Zeit weitererzählt. Ich glaube, das liegt auch daran, dass wir uns in ihren grundlegenden Themen bis heute wiederfinden können. Manchmal braucht es nur einen neuen Blickwinkel, um zu entdecken, wie viel eine jahrtausendealte Geschichte mit unserem eigenen Leben zu tun haben kann.

In deinen Romanen dürfen deine Figuren zweifeln, hadern und Fragen stellen. Welche Bedeutung hat dieser Zweifel für deine Vorstellung von Glauben?

Für mich persönlich gehört Zweifel zu einem authentischen Glauben dazu. Dinge infrage zu stellen, zu hadern, zornig zu sein oder zu klagen – all das gehört zum menschlichen Leben und damit für mich auch zum Glauben.

Gerade an den biblischen Geschichten finde ich interessant, dass ihre Figuren keineswegs immer voller Gewissheit und Zuversicht sind. Sie haben Angst, treffen fragwürdige Entscheidungen oder verstehen nicht, warum ihnen bestimmte Dinge widerfahren. Für mich macht sie gerade das interessant und nahbar..

Hat sich dein eigener Blick auf die biblischen Geschichten durch das Schreiben verändert? Oder vielleicht sogar dein Blick auf bestimmte Frauen?

Auf jeden Fall! Manchmal merke ich sogar, wie stark meine eigene Erzählung inzwischen beeinflusst, wie ich eine biblische Geschichte lese und in Erinnerung habe.

Bei Esther beispielsweise muss ich gelegentlich kurz überlegen, ob eine bestimmte Figur tatsächlich im biblischen Text vorkommt oder ob ich sie selbst für meinen Roman erfunden habe!

Wenn man sich über Monate oder Jahre intensiv mit einer Geschichte und ihren Figuren beschäftigt, entwickeln diese irgendwann ein richtiges Eigenleben. Und natürlich verändert das auch den eigenen Blick auf die ursprüngliche Erzählung.

Jetzt gehe ich noch ein wenig aufs Selfpublishing ein: Du arbeitest bereits seit deiner Jugend an diesen Geschichten. Wie hat sich dein Schreiben über die Jahre verändert?

Das mag jetzt etwas altklug klingen, aber ich glaube, dass vor allem meine Lebenserfahrung mein Schreiben verändert hat. Jede Erfahrung, jede Begegnung und jeder neue Lebensabschnitt prägen schließlich auch die Art, wie ich Menschen und ihre Geschichten wahrnehme. Gleichzeitig bin ich manchmal selbst überrascht, wie sehr ich mich in Gedanken, die ich schon als Jugendliche oder junge Erwachsene schreibend ausgedrückt habe, noch heute wiederfinde. Manche Themen beschäftigen mich offenbar schon mein ganzes Leben lang.

Welchen Stellenwert hat das Selfpublishing für dich und deine Bücher? War es deine erste Wahl oder würdest du gerne in einem Verlag veröffentlichen?

Das Selfpublishing war tatsächlich meine erste Wahl. Ich finde es großartig, welche Möglichkeiten sich dadurch für Autorinnen und Autoren eröffnen. Ich kann meine Geschichten so erzählen, wie ich sie mir vorstelle, und selbst über die Gestaltung, Veröffentlichung und Vermarktung meiner Bücher entscheiden. Gerade weil meine Romane ein eher spezielles Thema behandeln, schätze ich diese kreative Freiheit sehr.

Natürlich bedeutet Selfpublishing auch, dass man sich um viele Dinge kümmern muss, die bei einem Verlag von unterschiedlichen Personen übernommen werden. Aber ich beschäftige mich gerne mit den verschiedenen Aspekten des Veröffentlichens und finde es spannend, nicht nur Autorin zu sein, sondern auch die Entwicklung meiner Bücher selbst mitzugestalten.

Für wen schreibst du deine Bücher? Hast du eine Lieblingsleserin/einen Lieblingsleser?

Ich schreibe für alle, die Lust haben, sich von einer guten Geschichte begeistern zu lassen – Frauen wie Männer, gläubig oder nicht. Man muss die Bibel nicht kennen, um Freude an meinen Romanen zu haben.

An eine ganz besondere Rückmeldung erinnere ich mich allerdings noch heute: Als Jugendliche hatte ich einer Freundin eine meiner Geschichten zu lesen gegeben. Hinterher beschwerte sie sich bei mir, dass sie ihre Tram-Haltestelle verpasst hatte, weil sie so in die Geschichte vertieft gewesen war. Ich glaube, ein schöneres Kompliment kann man als Autorin kaum bekommen!

Du arbeitest gerade an einem Roman über die namenlose Tochter des Ephraimiten aus Richter 19. Was kannst du uns darüber schon verraten, ohne zu viel vorwegzunehmen?

Richter 19 ist eine Bibelstelle, die ich persönlich sehr herausfordernd finde. Besonders beschäftigt mich die Vorstellung, dass ein Vater bereit ist, seine eigene Tochter einem gewalttätigen Mob auszuliefern, der vor seinem Haus steht.

Was macht es mit einem jungen Mädchen, so etwas zu erleben? Wie verändert das ihren Blick auf ihre Familie, auf andere Menschen und auf sich selbst? Und was geschieht mit ihr während der kriegerischen Auseinandersetzungen, die auf die Ereignisse folgen?

Diesen Fragen gehe ich in meinem neuen Roman nach. So viel kann ich schon verraten: Das namenlose Mädchen bekommt von mir einen Namen. Und ich schicke sie auf eine Reise, die sie bis nach Ägypten und wieder zurückführen wird.

Sehr interessant! Vielen Dank für das wunderbare Interview.

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