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Interview mit Haike Hausdorf, der Autorin von „Die Geister der Weihnacht gehen in Rente“

Vor kurzem durfte ich mein erstes Rezensionsexemplar lesen, ihr könnt euch nicht vorstellen, wie aufgeregt ich war und wie sehr ich mich gefreut habe. Es kam also dazu, dass die liebe Haike Hausdorf mir ihr Buch „Die Geister der Weihnacht gehen in Rente“ zur Verfügung gestellt hat – und ich musste das natürlich sofort lesen. Was soll ich sagen, ich habe es verschlungen. Und dann hatte ich die Möglichkeit, ein Interview mit ihr zu führen! 🙂 Erfahrt hier, was für ein Geist sie wäre und wie sie überhaupt zu ihrer Geschichte kam…

Weißt du noch, wann du die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens zum ersten Mal gelesen hast und wie das für dich war?

Ich glaube, den ersten Kontakt mit Charles Dickens Weihnachtsgeschichte hatte ich durch eine Verfilmung. Wann ich die Geschichte zum ersten Mal gelesen habe, weiß ich leider nicht mehr. Vor etwa zehn Jahren habe ich mit meinen beiden älteren Kindern eine sehr schön ausgearbeitete Theateraufführung gesehen und kenne außerdem viele weitere Real- und Zeichentrickverfilmungen.

Bei der Arbeit an meinem Buch habe ich mich aber ausschließlich mit dem Originaltext befasst, um die drei Geister der Weihnacht und ihre Arbeitsweise möglichst authentisch von Dickens zu übernehmen. Fasziniert hat mich die Geschichte, solange ich denken kann.

Ich konnte mich toll mit deinen Geistern identifizieren – welchem deiner Geister, würdest du sagen, bist du denn am ähnlichsten?

In dem gemütlichen, pummeligen Tardy steckt viel von mir. Als Kind war ich sehr schüchtern – so wie Shy und manchmal kann ich so aufbrausend sein wie Stubborn oder so besserwisserisch wie Grumble. Außerdem bemühe ich mich, hilfsbereit zu sein wie Aid und Pleasant. Meinen Humor habe ich in Funny umgesetzt und meine gelegentliche Ungeschicklichkeit findest Du in Trouble wieder.

Du siehst also: Die Bewerber sind nicht nur ein bunt zusammengewürfelter Haufen von Geistern, sondern auch meiner Eigenarten. Nur mit Proud und Pretty habe ich nicht allzu viel gemein, aber ihre Ausarbeitung als Gegenpole zu den anderen hat mir trotzdem sehr viel Spaß gemacht.

Wolltest du schon immer Schriftstellerin werden?

Nein, aber ich war als Kind eine ausgesprochene Leseratte. Mit neun hatte ich in unserer kleinen Gemeindebücherei alle Bücher mit einer Empfehlung bis 16 Jahre durchgelesen und seit ich elf war, habe ich dort ehrenamtlich mitgearbeitet. Fast mein ganzes Taschengeld wurde jahrelang in Bücher umgesetzt. Eine Zeitlang habe ich überlegt, beruflich etwas mit Büchern zu machen, habe dann aber meine Sprachbegeisterung anders umgesetzt und bin Groß- und Außenhandelskauffrau geworden.

Außerdem hatte ich als Teenager Brieffreunde auf der ganzen Welt und habe fast jeden Tag an einen von ihnen geschrieben.

Beschreibe dein Buch bitte in drei Worten.

Humorvoll, locker, tiefgründig.

Die Geister deiner Geschichte haben sprechende Namen – welche Eigenschaft würde dir als Geist deinen Namen geben?

Wahrscheinlich wäre ich Trouble-ine, weil ich mich auch immer überall stoße oder verbrenne, wo sich die Gelegenheit bietet.

Deine Geister sind ja keine magischen Geschöpfe, sondern verstorbene Menschen – werden alle Menschen zu Geistern?

Es ist interessant, dass Du das sagst. Diese Interpretation habe ich schon bei einigen Leserinnen und Lesern gehört, aber geschrieben habe ich das mit keinem Wort.

Was sich Charles Dickens bei seinen drei Geistern der Weihnacht gedacht hat, weiß ich leider nicht. Ich kann Dir aber sagen, dass im Original der Geist der gegenwärtigen Weihnacht jährlich wechselt und zwar sind sie alle Brüder, was am Ende meines Buches einmal erwähnt wird. Und eine gewisse Magie ist ihnen auch nicht abzusprechen. Allein ihre Arbeitsmethoden bei den Besuchen von Ebenezer Scrooge sind ja eher übernatürlich. Das habe ich so übernommen.

Dazu tauchen noch andere Geister in meinem Buch auf: Zum einen verstorbene, historische Personen wie Lady Jane und Anne Boleyn, denen im Volksmund nachgesagt wird, dass sie beispielsweise im Tower of London umgehen, zum anderen aber auch ein Flaschengeist aus dem Orient, der durchaus über Zauberkräfte verfügt.

Tardy lebt bei seinen Eltern, hat anfangs kaum Verantwortung und erscheint insgesamt recht jung. Ist er denn jung verstorben oder bekommen Geister auch Kinder?

Bei Funny und Tardy wird erwähnt, dass sie eine Familie bzw. Eltern haben, bei denen sie aufgewachsen sind, was eher dafürspräche, dass Geister auch Kinder bekämen. Aber grundsätzlich überlasse ich das der Fantasie meiner Leser.

Alle meine zehn Junggeister sind noch keine hundert Jahre alt, was die Altgeister ja durchaus mit einer nicht vorhandenen Lebenserfahrung gleichsetzen. Wie gesagt: Ich lasse die Herkunft der zehn ‚Spooky Teenies‘ – wie eine Rezensentin sie nannte – in meinem Buch größtenteils offen. Ich selbst sehe meine zehn Geister-Bewerber nicht als verstorbene Menschen.

Die Geschichte spielt in London, verbindest du mit dieser Stadt etwas Besonderes?

Ich liiieeebe London, war allerdings sehr lange nicht dort. Die Geschichte spielt aber deshalb in London, weil das Original von Charles Dickens dort angesiedelt ist.

Lustig ist allerdings, dass ich gerade mein neues Manuskript beendet habe, das wieder in London spielen wird, es ist nämlich eine klassische Sherlock-Holmes-Novelle. Das kommt dabei heraus, wenn man sich mit den englischen Klassikern befasst.

Wir haben bald den 8.3., Weltfrauentag, und in deinem Buch geht es auch um Gleichberechtigung unter den Geistern. Denkst du, die Geister der Weihnacht wären mit Ebenezer Scrooge anders verfahren, wären sie Frauen gewesen? (Anm.: Das Interview wurde Anfäng März vor dem 8.3. geführt)

Eine sehr interessante Frage, die ich mir noch nie gestellt habe. Zur Zeit von Charles Dickens war Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern wohl eher kein Thema. Die Weihnachtsgeschichte entstand 1843. Deshalb ist es nur verständlich, dass seine drei Geister der Weihnacht männlich sind.

Mir hat die Entwicklung des Charakters der eigensinnigen, kämpferischen Stubborn sehr viel Spaß gemacht. Dabei sollte ich erwähnen, dass ihr Kampfgeist teilweise meinem Mann zu verdanken ist, der von Anfang an darauf bestanden hat, dass Stubborn richtig „Feuer“ hat.

Im Original von Dickens haben die drei Geister eine klare Arbeitsteilung: Einer führt Scrooge seine Vergangenheit vor Augen, einer die Gegenwart und einer die Zukunft. Meine Geister weichen während ihrer Ausbildung teilweise aus Unvermögen von diesem Schema ab, erlernen es aber innerhalb der Geschichte. Natürlich ist jeder Geist individuell und ebenso seine Vorgehensweise, aber grundsätzlich haben alle dasselbe Ziel: Fehlgeleitete Sterbliche auf den Pfad der Tugend zurückzubringen. Und jede/r versucht das auf seine oder ihre Weise, dabei spielt das Geschlecht eine untergeordnete Rolle.

Was macht dir in deinem Job am meisten Spaß?

Beinahe alles. Ich liebe es, Geschichten zu entwickeln und zu überarbeiten, schätze den Kontakt mit meinen Lesern, Bloggern, meiner Agentin, den Autoren-Kollegen, Korrektoren, Lektoren und Verlagsmitarbeitern sehr und finde Leserunden und den Austausch über die sozialen Medien spannend. Der persönliche Kontakt z.B. auf Buchmessen ist natürlich auch toll – wenn es denn wieder möglich ist. Im Grunde mag ich alles außer das Warten auf Antworten von Verlagen. Geduld ist nicht so meine Stärke. Das beste Gegenmittel ist, mich schon auf das nächste Projekt zu stürzen, dann bin ich produktiv und die Zeit vergeht scheinbar schneller.

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Liebe Haike, vielen Dank nochmal für das Interview! Es war spannend, die Hintergründe zu deinen Geistern und ihrer Welt zu erfahren, außerdem war es für mich besonders toll, mal einem Autor quasi „über die Schulter“ schauen zu können, beziehungsweise von deinem Arbeitsprozess und deiner Verbindung zur den Geistern der Weihnacht zu erfahren.

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In meinem Blogpost vom 7.3. lest ihr meine Rezension zu „Die Geister der Weihnacht gehen in Rente“. Viel Spaß beim Lesen. Mehr über Haike und ihre Bücher gibt es auf ihrer Homepage haikehausdorf.de

Ein Gedanke zu „Interview mit Haike Hausdorf, der Autorin von „Die Geister der Weihnacht gehen in Rente““

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